Radio-Kurzfeature von Axel Gauster

Sprecher: Axel Gauster

Online-Text, Fotos: Axel Gauster

© 2017 NGG-Region Aachen

Länge: 9'13" Format: mp3pro 96kbps 44,1 kHz 16bit DAB JointStereo

„Eine Ikone von Foto. Es zeigt den portugiesischen Arbeiter  Armando Sa Rodrigues, der als millionster Gastarbeiter am 10. September 1061 nach Deutschland kam“, sagt Winfried Casteel, ehemals VHS Aachen und heute Geschichtswerkstatt der NGG-Region Aachen.

Ein Gesprächskreis mit Geschichten aus der Arbeitswelt an diesem 16. November 2017 in Aachen. Veranstaltet von der VHS Aachen, von Arbeit und Leben und der NGG-Region Aachen.

Der millionste Gastarbeiter in Deutschland. Ausriss
Der millionste Gastarbeiter in Deutschland. Ausriss

‚Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit Migrationshintergrund – gesellschaftliche Teilhabe stärken‘ ist die Überschrift für diesen Gesprächskreis. Gewerkschafter und Betriebsräte erzählen aus ihrem Leben hier in Deutschland, in das sie eingewandert sind.  Schon immer sind ausländischen Arbeitskräfte nach Deutschland gekommen. In der Wirtschaftswunderzeit wurden sehr viele Arbeitskräfte gebraucht. Und sie kamen 1955 zuerst aus Italien. Ab 1961 auch aus der Türkei.

Seit den 1970er Jahren wurde die Integration von Arbeitsmigranten mit ihren Familien diskutiert und als Forderung in die politischen Entscheidungsprozesse eingebracht.

Das zeigt sich zum Beispiel auch in den Streikaktionen ausländischer ArbeitnehmerInnen aus dieser Zeit. Bei der Firma Walwo Aachen zum Beispiel im Jahre 1973. Gestreikt wurde für ‚Gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘, ‚Integration und Beteiligung in Betriebsräten‘. Das Thema begleitet die Gewerkschaften bis in die Gegenwart.

Wie die Anfänge in einem neuen Land waren, erzählt Ali Kahraman, Betriebsrat bei der Firma Lambertz aus Aachen.  Als sein Vater nach Deutschland kam. „Er kam im Jahre 1968 nach Deutschland“, sagt er. Er war zwanzig Jahre alt. Gearbeitet hat er zunächst in einer Kohlenzeche in Alsdorf. Damals kamen nur die Männer  aus der Türkei nach Deutschland. Die Familie blieb zurück. „Mein Vater konnte nicht richtig lesen. In der Türkei gab es keine Möglichkeit für schulische Ausbildung. Zumindest nicht für arme Menschen“, sagt Ali Kahraman. Viele Gastarbeiter aus der Türkei sind vor allem als wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen.

Ali Kahraman, Betriebsrat Lambertz Aachen. November 2017
Ali Kahraman, Betriebsrat Lambertz Aachen. November 2017

Man sah diese Menschen allerdings als ‚Gastarbeiter‘ und nicht als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger. Auch wenn der Empfang in Deutschland zunächst freundlich war. Trommeln und Musik begleitete die Neuankömmlinge. „Eine gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung war aber nicht vorhanden“, sagt Ali Kahraman. Integration nicht wirklich angesagt. Es ging in der Wirtschaftswunderzeit um Wachstum, Aufbau und Wohlstand.

Auch Bülent Iscan, Berater bei der Schuldnerberatung Aachen, erzählt über seine Erfahrungen als Arbeitnehmer, Kollege und Mitbürger. Sein Großvater ist zirka 1971 nach Aachen-Brand gekommen. „Er hat hier sechs Jahre gearbeitet und alles Geld gespart, weil er wieder nach Hause zurück wollte“, sagt er. In der Regel lebten mehrere Gastarbeiter in einer kleinen Wohnung von dreißig Quadratmeter. „Mein Großvater hat aber alle Kinder nachgeholt und so hat mein Vater in der Aachener Tuchfabrik Becker gearbeitet“. Im  Jahre 1988 ging er zurück in sein Heimatland Türkei. „Meine Geschwister und ich sind alle hier in Aachen geboren“, sagt Bülent Iscan.

Als Schuldnerberater kennt er die Probleme der aus jüngster Zeit nach Deutschland und Aachen gekommenen Menschen. Sie suchen hier Schutz vor Verfolgung und Armut.

Zum Beispiel flattert fast immer die GEZ-Rechnungen in eine neu bezogene Wohnung. Und verunsichert die Empfänger. Denn die meisten haben noch kein TV oder Radio. „Denen erkläre ich dann, das für jede Wohnung eine Rundfunkgebühr bezahlt werden muss“, sagt er.

Der Anfang ist nicht einfach. Auch heute nicht. Alles ist anders. Und Hilfe von Mitmenschen ist immer wichtig.

Bülent Iscan, Berater Schuldnerberatung Aachen. November 2017
Bülent Iscan, Berater Schuldnerberatung Aachen. November 2017

Es wird viel diskutiert an diesem Abend und es ist klar: Integration geht nur gemeinsam mit allen Menschen, die in Deutschland leben. Das ist die Voraussetzung. Nur so fühlen sich die Menschen zugehörig, geborgen und als Teil einer Gesellschaft.

Und was ist jetzt mit dem Begriff Heimat? „Heimat ist da, wo meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit ist. Also hier in Aachen“, sagt Ali Kahraman. Viele Verwandte und Freunde leben aber weiterhin in der ‚alten‘ Heimat‘ so zu sagen. Und die werden auch oft besucht. „Wenn ich dann dort bin, habe ich bald Heimweh nach Deutschland. Und ehrlich gesagt – ich fühle mich in der Türkei auch nicht frei“, sagt er.

Den Heimatbegriff gibt es so nur in Deutschland. Das hängt mit der Epoche der Romantik des 19. Jahrhundert zusammen. Wälder, Burgen, Flüsse und Landschaft.

Heimat ist aber mehr. Ein Gefühl vor allem und ganz persönlich.

Heimat ist dort – wo ich mich glücklich fühle“, sagt Bülent Iscan. Auch er hat Verwandte in der Türkei und besucht sie regelmäßig. „Da wo man geboren ist, da ist man gerne. Natürlich. Die Kindheit prägt“, sagt er. Kinderleben prägt oft das Gefühl und die Sehnsucht nach Heimat.. „Ich freue mich dann wieder Daheim zu sein. In Deutschland. Dort wo man arbeitet und lebt.“

Aber dennoch habe das Wort Heimat nicht mehr die Bedeutung wie in der Vergangenheit. Daher ist es richtig, Heimat neu zu beschreiben. Umfassender und fröhlicher. „So wie sich die Wirtschaft globalisiert, so globalisiert sich auch das Wort Heimat“, sagt Bülent Iscan.

Aber es gibt auch eine andere Beschreibung von Heimat. Die eines Gewerkschafters zum Beispiel. „Wie Karl Marx schon sagte: Der Arbeiter hat keine Heimat. Heimat ist also überall für mich“, sagt Ali Kahraman.

Für den Januar 2018 ist eine weitere Gesprächsrunde zur Arbeitswelt aus der Region Aachen geplant.

 

Ausgewählte Literatur und Quellen

Links abgerufen am 30.11.2017

Gewerkschaft NGG in Videos - Vimeo-Videokanal der Gewerkschaft NGG

Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten NGG - Hamburg

Deutscher Gewerkschaftsbund DGB – Berlin