Radio-Kurzfeature von Axel Gauster

Sprecher: Axel Gauster

Online-Text, Fotos: Axel Gauster

© 2017 NGG-Region Aachen

Länge: 10'42"Format: mp3pro 96kbps 44,1 kHz 16bit DAB JointStereo

„Das sind die so genannten Maschinenstürmer von 1812 in der Textilindustrie“, sagt Winfried Casteel, ehemals VHS Aachen und heute Geschichtswerkstatt der NGG-Region Aachen.

‚Rationalisierung und Digitalisierung in der Region Aachen‘ ist die Überschrift für diesen Gesprächskreis am 4. Mai 2017. Veranstaltet von der VHS Aachen, von Arbeit und Leben und der NGG-Region Aachen. Gewerkschafter und Betriebsräte erzählen aus ihrem Berufsleben aus den letzten vierzig Jahren.

Maschinensturm 1812. Ausriss
Maschinensturm 1812. Ausriss

So genannte Modernisierungen hat es immer schon gegeben. Aber leider gingen und gehen die immer auf Kosten der arbeitenden Menschen. In der Textilindustrie wurde der Handwerksberuf des Webers durch massiven Maschineneinsatz geradezu ersetzt. Und dieser Beruf ist nahezu verschwunden. Zumindest in der industrialisierten Welt.

Gerd Doum. Aachen 4.5.2017
Gerd Doum. Aachen 4.5.2017

Auch in der Süßwarenindustrie ist Rationalisierung kein Fremdwort. „5360 Dominosteine pro Minute machte die Maschine im Jahre 1977“, sagt Gerd Doum. Er war Betriebsrat bei Kinkartz, einer seit 2015 geschlossenen Firma aus der Süßwarenindustrie. 63 Leute pro Schicht arbeiteten an diesen Maschinen einschließlich Verpackung.

Stefan Bauermann. Aachen 4.5.2017
Stefan Bauermann. Aachen 4.5.2017

Dominosteine, eine mit Schokoguss überzogene Lebkuchen-Leckerei zu Weihnachten. Die wurden und werden meistens schon sechs Monate vorher im Mehrschichtbetrieb produziert. Die schönen Verpackungen sind sorgfältig gefüllt. Die Dominosteine lachen hinter einem durchsichtigen Papierfenster.

Zuerst wurde alles von Hand aufgelegt. Aber die technische Entwicklung bleibt nicht stehen. Und die Konkurrenz schläft nie. Also – alte Maschinen raus – neue Maschinen rein. Und den Takt in der Fließfertigung erhöhen – quasi die Geschwindigkeit der Fertigung und Verpackung, die die dort arbeitenden Menschen leisten müssen.

1995 packten Roboter die Dominosteine in ihre Verpackung. Es gab nur nur halb so viele fertige Dominosteine und einen höheren Takt. „Wir haben nur noch mit 10 Personen an diesen Maschinen gearbeitet“, sagt Gerd Doum. 1970 hatte die Firma zirka 1000 MitarbeiterInnen. „Am Ende – also 2015 waren es noch 300 Beschäftigte.“

So ist das. Mit wendiger Menschen, günstigeren Maschinen, höheren Takten mehr und günstiger herstellen und verkaufen. Ein betriebswirtschaftliches Gesetz im Kapitalismus.

Logo Gesprächskreis Arbeitswelt Region Aachen
Logo Gesprächskreis Arbeitswelt Region Aachen

Rationalisierung und Digitalisierung gibt es auch in der Verwaltung, der Administration, in den bürokaufmännischen Berufen.

Innerhalb einer Stadtverwaltung gibt verschiedene Abteilungen oder Aufgaben und Berufe. Zum Beispiel die Müllabfuhr. Viele Städte haben die an private Unternehmen ausgelagert. Oder sie rationalisieren. Oder sie lassen es sein. Das Letztere hat dann auch etwas mit gewerkschaftlicher Arbeit zu tun.

Heute soll eine Stadt- oder Dorfverwaltung bürgerfreundlich, schnell, umfassend sein. Also quasi einmal hin alles drin. Und gut ausgebildet sollen die Leute dort sein. Und kompetent.

Ein wesentlicher Bereich ist der Bürgerservice. Zum Beispiel das Einwohnermeldeamt. Öffentlich zugänglich und heute viel mehr als nur eine Ausgabe für Personalausweise und Meldeformulare. Digitalisierung macht es möglich.

Nullachtfünfzehn Personalausweis beantragen ist es nicht mehr alleine. Da geht es auch um Aufenthaltstitel zum Beispiel“, sagt Stefan Bauermann ist Vorsitzender im Personalrat der Stadt Aachen. Da ist Rechtssicherheit bei den Beschäftigten gefragt. So kommt der Ausbildung eine besondere Bedeutung zu.

Die Digitalisierung am Arbeitsplatz geht ja weiter.  Auch Stadtverwaltung lagern aus. Zum Beispiel die administrative Bearbeitung von Bürgeranliegen hinter den Kulissen. „Backoffice-Aufgaben sind durchaus möglich“, sagt Stefan Bauermann. Natürlich braucht es da besondere Regeln für die Arbeitszeiterfassung. Die werden dann von den Arbeitnehmervertretungen festgelegt. „Insgesamt ist auch in der Verwaltung der Arbeitsdruck und die Arbeitsverdichtung durch die Digitalisierung gestiegen“, sagt er.

Und Geschichten aus den Berufsleben auch. „Wir haben noch viel in der Schublade“, sagt  Dr. Klaus Brülls, ehemals DGB Bildungwerk NRW und heute Geschichtswerkstatt der NGG-Region Aachen. „Wir wollen die Geschichte der Arbeitswelt mit der Zukunft der Arbeitswelt verbinden“, fügt er hinzu. Eine Anregung aus dem Publikum.

Und sonst? Gibt es zum Beispiel irgendwann eine öffentlich zugängliche Zusammenfassung der Gespräche? „Vielleicht ein Buch der Arbeit oder eine Ausstellung, die die Arbeit, ihre Geschichten und ihre Zukunft symbolisieren“, sagt Ludger bentlage, ehemals Gewerkschaftssekretär und heute Geschichtswerkstatt der NGG-Region Aachen.

 

Für den Herbst 2017 sind weitere Gesprächsrunden zur Arbeitswelt aus der Region Aachen geplant.

 

 

Ausgewählte Literatur und Quellen

 

Links abgerufen am 8.05.2017

 

Gewerkschaft NGG in Videos - Vimeo-Videokanal der Gewerkschaft NGG

Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten NGG - Hamburg

Deutscher Gewerkschaftsbund DGB – Berlin