Radio-Kurzfeature von Axel Gauster

Sprecher: Axel Gauster

Online-Text, Fotos: Axel Gauster

© 2017 NGG-Region Aachen

Länge: 13'00"Format: mp3pro 96kbps 44,1 kHz 16bit DAB JointStereo

Eines der ersten Streikgemälde. Hier im Hamburger Hafen 1886“, sagt Dr. Klaus Brülls von der Geschichtswerkstatt der NGG-Region Aachen. Streiks in der Region Aachen‘ ist die Überschrift für diesen Gesprächskreis. Gewerkschafter und Betriebsräte erzählen aus den letzten 30 Jahren. Dabei ist dieser Gesprächskreis für alle interessierten Menschen offen.

v.l.n.r.: Dr. Klaus Brülls, Ludger Bentlage; Geschichtswerkstatt NGG-Region Aachen. April 2017
v.l.n.r.: Dr. Klaus Brülls, Ludger Bentlage; Geschichtswerkstatt NGG-Region Aachen. April 2017

Streiks gab es schon in der Antike. Der erste bekannte Arbeitskampf fand 1156 v. Chr. in Medinet Habu (Ägypten) statt, als die Bauarbeiter unter Ramses III. die Arbeit niederlegten. Ihnen wurde zwei Monate kein Lohn gezahlt. Und so  zieht er sich durch die Zivilisationen und Zeiten.

Zum Beispiel im Jahre 1996. Da ging es um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die sollte auf achtzig Prozent gekürzt werden. War übrigens auch von der Politik so gewollt. „Die LKW mit frischer Schokolade wurden abgewiesen“, sagt Ludger Bentlage der NGG-Region Aachen erzählt. „Und damit war die Produktion lahmgelegt“, fügt er hinzu.

Gemälde "Der Streik" 1886. Ausriss
Gemälde "Der Streik" 1886. Ausriss

Dieser Streik zur Weihnachtszeit 1996 erfasste die Süßwarenindustrie in der Region Aachen. Kinkartz aus Würselen, Lambertz und Lindt aus Aachen. Ludger Bentlage war als Gewerkschaftssekretär der Region Aachen für diesen Arbeitskampf zuständig.

Die Solidarität war sehr hoch“, sagte Peter Mogga, damals schon Geschäftsführer der NGG-Region Aachen, als Resümee zu diesem Arbeitskampf. Vielen damals Beteiligten Streikenden bleibt dieser Arbeitskampf unvergessen. Und er war erfolgreich. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall liegt bei einhundert Prozent.

Die Gründe für einen Arbeitskampf können ganz unterschiedlich sein. So zum Beispiel im Einzelhandel. In den 1990er Jahren ging es dort fast immer um den so genannten Ladenschluss. Also – Einkaufen auch am Sonntag zum Beispiel.

Streik Dezember 1996 bei Kinkartz, Würselen. Foto von Ralf Röger. Ausriss
Streik Dezember 1996 bei Kinkartz, Würselen. Foto von Ralf Röger. Ausriss

Im Jahre 1995 wollte die französische Supermarktkette Continent an Heiligabend für drei Stunden öffnen. Dieser Tag war ein Sonntag. „Das haben wir uns nicht gefallen lassen“, sagt Peter Wolters. Er war damals im Betriebsrat und hat die gewerkschaftlichen Aktionen gemeinsam mit anderen Gewerkschaften gestaltet. Continent wollte damals das betriebseigene Personal über eine Fremdfirma für einen Stundenlohn von vierzig DM arbeiten lassen. „Über eine einstweilige Verfügung haben wir das in allen Filialen gestoppt“, sagt Peter Wolters.

Continent-Supermarkt Aachen. Werbeplakat Dezember 1995. Ausriss
Continent-Supermarkt Aachen. Werbeplakat Dezember 1995. Ausriss

Die Formen von gewerkschaftlichen Kampf sind also ganz unterschiedlich. Ein weiteres Beispiel ist der Kampf um Arbeitsplätze. Zum Beispiel die Waggonfabrik Bombardier. Früher hieß das Unternehmen Talbot. Diese Firma hatte einen sehr guten Ruf weit über Aachen hinaus. Generationen von Menschen haben dort gearbeitet. Talbotianer wurden sie genannt. Das ist – mehr oder  weniger – bis heute so.„Bombardier wollte das Aachener Werk 2012 schließen, obwohl die Auftragslage mehr als gut war“ sagt Franz-Peter Beckers, ehemaliger Geschäftsführer der IGMetall Aachen. Nun gab es hier keinen klassischen Streik, sondern ganz andere gewerkschaftliche Aktionen.

Wir haben eine einberufene Betriebsversammlung nicht abgeschlossen, sondern nur unterbrochen“, sagt er. Und so gab es fast täglich eine Betriebsversammlung. Und dies – gegen alle Gewohnheit – öffentlich vor den Werkstoren des Unternehmens. Sehr bald kamen neben der Aachener Bevölkerung auch Lokal-, Landes- und Bundespolitiker, Fraktionsvorsitzende aller Parteien besuchten die Versammlung.

Plakat Aktionen Bombardier/Talbot; Aachen Frühjahr 2013
Plakat Aktionen Bombardier/Talbot; Aachen Frühjahr 2013

Viele Aachener BürgerInnen solidarisierten sich mit den Menschen, die da um ihre Arbeitsplätze kämpften. Es gab Dauermahnwachen, Weihnachts- und Frühjahrsbazare direkt vor dem Betriebsgelände, Freiluftgottesdienste und Demonstrationen, Regelmäßiges Catering organisiert von der Aachener Bevölkerung und Solidaritätsnoten der Familie Talbot – die bis heute einen guten Namen in Aachen hat. Die hat nämlich in ihrer aktiven Firmenzeit viele Arbeiterwohnungen gebaut. Und sich fürsorglich um ihre Beschäftigten gekümmert. Quasi ein unternehmerisches Vorbild für soziale Fürsorge.

Im April 2013 wurde eine neue Firma gegründet, ein großzügiger Sozialplan ausgearbeitet und ein verbandsgebundener Firmentarifvertrag abgeschlossen.

Seit 1. Juli 2013 heißt das Unternehmen Talbot Services und der Laden brummt. Es werden Züge aller Art gewartet, repariert, moderner gemacht und neu gebaut. Elektromobilität ist ein neues Arbeitsgebiet. Es werden zum Beispiel e-Autos im Auftrag der StreetScooter GmbH für die Deutsche Post gebaut.

v.l.n.r.: Ludger Bentlage, NGG-Region Aachen; Peter Wolters, heute NGG-Region Aachen und Betriebsrat; Franz-Peter Beckers, IG-Metall Aachen. Aachen April 2017
v.l.n.r.: Ludger Bentlage, NGG-Region Aachen; Peter Wolters, heute NGG-Region Aachen und Betriebsrat; Franz-Peter Beckers, IG-Metall Aachen. Aachen April 2017

Es ist heute wichtig, die Öffentlichkeit in heutige Arbeitskämpfe und gewerkschaftliche Aktionen einzubeziehen. „Wir brauchen diese gesellschaftliche Akzeptanz, damit den Beschäftigten in den Betrieben der Rücken gestärkt wird“, sagt Ludger Bentlage von der Geschichtswerkstatt der NGG-Region Aachen.

Nun sollen diese Geschichten aus der Arbeitswelt nicht verloren gehen. Darum diese Gesprächskreise. Und irgendeine Präsentation der gesammelten Geschichten ist auch geplant.

Ein weiterer Gesprächskreis ist für Mai 2017 geplant. Thema ist dann: Rationalisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt.

 

Ausgewählte Literatur und Quellen

 

Links abgerufen am 12.4.2017

 

Gewerkschaft NGG in Videos - Vimeo-Videokanal der Gewerkschaft NGG

Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten NGG - Hamburg

Deutscher Gewerkschaftsbund DGB – Berlin