Radio-Kurzfeature von Axel Gauster

Sprecher: Axel Gauster

Online-Text, Fotos: Axel Gauster

© 2017 NGG-Region Aachen

Länge: 13'31"Format: mp3pro 96kbps 44,1 kHz 16bit DAB JointStereo

"Die Gesichtspunkte zur Arbeitszeitveränderung sind sehr vielfältig“, sagt Winfried Casteel von der VHS Aachen. Ein Gesprächskreis mit Geschichten aus der Arbeitswelt an diesem 2. März 2017 in Aachen. Veranstaltet von der VHS Aachen, von Arbeit und Leben und der NGG-Region Aachen.

v.l.n.r.: Dr. Klaus Brülls, Geschichtswerkstatt NGG-Region Aachen; Winfried Casteel, Arbeit und Leben VHS Aachen. März 2017
v.l.n.r.: Dr. Klaus Brülls, Geschichtswerkstatt NGG-Region Aachen; Winfried Casteel, Arbeit und Leben VHS Aachen. März 2017

Veränderungen der Arbeitszeit und wie sie sich entwickelt hat‘ ist die Überschrift für diesen ersten Gesprächskreis. Gewerkschafter und Betriebsräte erzählen über Arbeitszeiten in der Industrie, den Kampf um die 35-Stunde Woche und über das Ladenschlussgesetz im Einzelhandel. Aus den letzten 40 Jahren. Dabei ist dieser Gesprächskreis für alle interessierten Menschen offen. „Wir wollen die Geschichten dazu von den Menschen hören, die das alles erlebt und mitgestaltet haben“, sagt Dr. Klaus Brülls von der Geschichtswerkstatt der NGG-Region Aachen.

Vor vierzig Jahren war es normal, mindestens 40 Stunden wöchentlich zu arbeiten. Oftmals in einem Zwei-Schicht-System. Heute ist das anders. Es gibt Drei-, Vier- und gelegentlich sogar Fünfschicht-Systeme. Gleitende, flexible Arbeitszeiten und den Versuch, familienfreundliche Arbeitszeiten einzuführen. Wenngleich das noch ein weites, unbestelltes Feld ist. Und die Modelle der Arbeitszeit sind je nach Branche und Unternehmen vielfältig.

Banner Achtstundentag. Melbourne 1856. Ausriss
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Marko Jansen von der IG-Metall Aachen und Betriebsrat bei einem Aachener Unternehmen aus der Metallindustrie stellt ein modernes Vier-Schicht-System. Da hören wir jetzt kurz rein. Tabellen, Zahlenwerke, Vor- und Nachteile zum Vier-Schicht-System in seinem Impuls-Referat sozusagen zeigen auch Grenzen auf. “Für die KollegInnen kann das je nach Modell sehr anstrengend sein, wenn auch noch Flexibilität gefragt ist“ sagt er.

In den 1970er und 1980er Jahren waren 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche ganz normal.Teilweise wurde auch am Samstag gearbeitet. Dann waren es sogar 48 Stunden. Überstunden gab es zusätzlich. Und das Zweischicht-System war die Regel. Also zwölf Stunden Arbeit als ein Arbeitstag. Oftmals als Dreischicht-System maskiert. Rolf Winkler vom Vorstand des DGB Aachen erinnert an die Zeit, in der er in der Aachener Textilindustrie sein Geld verdient hat.

Als dann die gewerkschaftlichen Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung losgingen, war es nicht so einfach – die auch den Beschäftigten schmackhaft zu machen.  „Die Kolleginnen wollten lieber Überstunden machen als eine Acht-Stunden-Schicht“, sagt er.

v.l.o.n.r.u.: Rolf Winkler, Vorstand DGB Aachen; Marko Jansen Betriebsrat und IG Metall Aachen; Franz-Peter Beckers, ehem. Geschäftsführer IG Metall Aachen; Peter Wolters, Betriebsrat und NGG-Region Aachen. März 2017
v.l.o.n.r.u.: Rolf Winkler, Vorstand DGB Aachen; Marko Jansen Betriebsrat und IG Metall Aachen; Franz-Peter Beckers, ehem. Geschäftsführer IG Metall Aachen; Peter Wolters, Betriebsrat und NGG-Region Aachen. März 2017

Trotzdem blieben die Gewerkschaften am Ball. Der Kampf um die 35-Stunden-Woche war war lang und heftig. Und es gab verschiedene Modelle für diese kürzere Arbeitszeit. Franz-Peter Beckers, ehemaliger Geschäftsführer der IG Metall Aachen erinnert an die Anfänge dieser gewerkschaftlichen Forderungen.

Im Jahre 1977 hat dann die Basis gegen alle Widerstände auf einem Gewerkschaftstag der IG Metall das Ziel der 35-Stunden-Woche festgeschrieben“, sagt er. Eine Revolution sozusagen.

Das war vor 40 Jahren. Und klar – da gab es viel Widerstand seitens der Arbeitgeber und auch seitens der Politik. Denn die 35-Stunden-Woche war an die Forderung geknüpft: Voller Lohnausgleich. Die Streiks waren konsequent und die Reaktionen der Arbeitgeber auch. „Es gab zum Beispiel kein Streikgeld und auch keine Unterstützung durch das Arbeitsamt“, sagt er.

Im Jahre 1996 wurde die 35-Stunden-Woche dann tariflich festgeschrieben. Heute reicht die festgesetzte wöchentliche Arbeitszeit von 28,5 bis 42 Stunden. Abhängig von der Branche und dem Unternehmen. Festgelegt in Vereinbarungen und Tarifverträgen. Aber die Arbeitswelt besteht ja nicht nur aus der Metallindustrie. Da gibt es zum Beispiel den Einzelhandel. Peter Wolters, heute Betriebsrat in der Brotindustrie der Aachener Region, hat in den 1990er Jahren im Einzelhandel gearbeitet.

Am Wochenende einkaufen oder sogar an Feiertagen. Praktische Sache – für die Kunden. Ladenschlussgesetz und der Kampf um die 35-Stunden-Woche brachten viele verschiedene Arbeitszeitmodelle. „Da hat es viel Widerstand seitens der Belegschaften geben“, sagt er. Die Arbeitszeit im Einzelhandel ist auch heute ein Dauerthema. Ein Thema ist die geringfügige Beschäftigung bis heute. „Damals haben wir die Folgen noch nicht absehen können“, fügt er hinzu.

Nun sollten diese Geschichten aus der Arbeitswelt nicht verloren gehen. Was ist also geplant? Sammeln? Sichten? Veröffentlichen? „Nach der dritten Veranstaltung werden wir ein Resümee ziehen, die Geschichten durchsehen und bearbeiten“, sagt Dr. Klaus Brülls.

Die erzählten Geschichten aus der Arbeitswelt gehen auf jeden Fall nicht verloren. Ein weiterer Gesprächskreis ist für April 2017 geplant. Thema ist dann: Streiks in der Aachener Region.

 

Ausgewählte Informationen und Literatur


Links abgerufen am 14.03.2017

 

Gewerkschaft NGG in Videos - Vimeo-Videokanal der Gewerkschaft NGG

Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten NGG - Hamburg

Deutscher Gewerkschaftsbund DGB – Berlin